Gerrit Friese

Neue Bewohner
Samstag, 24. Januar 2026, 19 Uhr
im Forum Kunst am Friedrichsplatz
Zur Ausstellung spricht
Dr. Axel Sigle, Stuttgart, Sammler
Dauer der Ausstellung: 11. Mai bis 22. Juni 2025
Gerrit Friese, geb. 1958 in Wertheim/Main, lebt in Berlin Seit 1985 Kunstverleger und Galerist
Seit 2020 entstehen die Skulpturen
Zu meiner Sache – Neue Bewohner
Ich versuche Wesen, die mich bedrängen und die mich freuen, die einfach aus der Hand heraus getrieben werden, eine Existenz zu geben. Es sind Tiere und Menschen, vielleicht ist es eine ganz eigene Spezies, die sich um den Unterschied von Mensch und Tier gar nicht mehr kümmert. So werden aus Armen am Ende Tierköpfe, keine Hände, aber das ist selbstverständlich so, es muss sein. So kennen sie Scham, aber sie bekennen sie lustvoll. Sie sind von freundlicher Freude, humorvoll – sie sind getrieben und sie treiben weiter. Angst und Übermut halten sie gefangen. Ist in ihnen eingefangen. Sie wollen sein. Sie haben etwas zu sagen, auch wenn sie ganz hartnäckig schweigen. Die Glasur führt das Irdene dazu, sie ist wie eine Haut – so wie das Wesen im Naturzustand war – und gleichzeitig ist sie das Kleid, dessen wir alle benötigen, um auftreten zu können. Die Glasur ist ein Schutz und der richtige Namen für das Neue Wesen – vielschichtig, glänzend, abweisend, hineinführend, und: sie stellt auch Fragen. Was ist das eigentlich, was wir da jetzt angekleidet schutzbedürftig sehen.
Durch die Titel, die in dem ganzen Unternehmen wichtig sind, wird den Skulpturen etwas entlockt. Die Figuren nehmen Fahrt auf, wenn sie benannt sind. Sie werden gezwungen, sich mitzuteilen, etwas von ihrer Geschichte, ihrer Vergangenheit und Gegenwart kundzutun. Sie haben natürlich als Ladung meine Idee, meine Vorstellung ihrer Geschichte, aber ich suche nach Sätzen, ganz bewusst und unbewusst zugleich, in denen sich unser aller Geschichte spiegelt, sich wiederfindet, sich erweitert. Die nun Gestalt gewordene Figur erzählt durch sich und ihre Worte davon. Sie entkommt ihrer Sprachlosigkeit, ihrer so ungeschminkt daherkommenden Eigenartigkeit. Und manchmal entsteht der Zusammenhang von Sprache und Skulptur ganz von fern, er hat sich bei der intensiven Auseinandersetzung mit dem Wesen, der Figur erst hergestellt, war im ersten Machen noch gar nicht da. Und dann geht es – hoffentlich – weiter: es vermischt sich die Phantasie des Betrachters mit den Worten des Titels, den Sätzen und Fragmenten. Es entsteht das unaufhörliche Weiterspinnen all dessen, was in die Figur hineingewoben ist, auch für und durch die, die draufschauen.
Das Textkonvolut „Ein Haufen wenig“ entstand im selben Moment, in dem ich das Verfertigen der Skulpturen begann. Ich schrieb auf, was ich sah, las und hörte. Was mir geschrieben und gesagt wurde. Meist sind es Sätze und Worte von anderen, von Musil und Proust, Goethe, Erpenbeck, Handke, Fontane, vielen anderen, den Menschen, die mich umgeben, Zeitungen, Sätze aus Emails, Worte aus SMS. Ganz einfach das, was mich während des Machens an den Skulpturen beschäftigt und in einen Kontext mit ihnen tritt. Ich merke erst und auch dann, wie sehr sie mich beschäftigen, wenn mitten im andern Tun auf einmal Worte auftauchen, die ich aufschreiben will, die mir die Welt und meins begreiflich machen. So ist dieses Anhäufen entstanden, das immer weiter geht, das mit den Skulpturen im Leben seinen natürlichen Gang geht und das die Titel und mehr des Lebens meiner Wesen speichert.